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Irrtum
Ich
bin auf dem Weg nach Hause. Draußen ist es schon dunkel. Da fährt
mir plötzlich der Schreck in alle Glieder. Das da vorne, das war doch
meine Katze. So weit weg vom Haus. Sie hat sich verlaufen. Ich muss
sie retten. Das Auto wird mitten auf der Straße geparkt. Kein Durchkommen
mehr für andere Wagen auf dem engen Stück, egal. Ich laufe der Katze
hinterher, laut ihren Namen rufend, rein in den fremden Garten. Da
taucht der Typ mit dem Rottweiler auf. Der Hund nähert sich der Katze
bedrohlich. Die miaut irritiert und flieht vor mir, nicht vor dem
Hund. “Haben Sie was verloren?”, will der Rottweiler-Besitzer wissen.
“Das ist meine Katze.” “Nein, meine”, meint der Typ. “Die sieht aber
aus wie meine”, sage ich schon etwas kleinlauter. Dann mach ich, daß
ich ganz schnell aus dem Vorgarten komme. Die Straße entstaue und
denk mir im Auto: ”Nachts sind eben alle Katzen grau.”
13. April 1995
Träume
Ich
habe gelesen, dass Tiere träumen. Pflanzenfresser sollen ganz andere
Träume haben als Raubtiere. Wahrend die einen immer nur ganz kurz
träumen, klügeln die anderen während ihres langen Schlafes Jagdstrategien
aus.
Sind Menschen eigentlich auch Raubtiere? Strategien überlege ich
mir jedenfalls immer erst, wenn der Wecker geklingelt hat. Nämlich,
wie ich trotz des Getöses der unbarmherzigen Uhr noch etwas im Bett
bleiben kann.
Ganz anders geht es dem Raubtier, das mit mir in einem Bett schläft.
Sobald der Wecker losschrillt, schnurrt die Katze. Ich habe sie
ja immer für gestört gehalten. Aber jetzt weiß ich, dass der Stubentiger
stinknormal ist. Das Raubtier freut sich einfach darauf - so schön
ausgeschlafen - seine traumhaften Mäuse-Jagd-Strategien in die Tat
umsetzen zu können.
Die Sache hat nur einen Haken. Die Katze fängt nie etwas. Wahrscheinlich
träumt das arme Tier immer schlecht. Von Mäusen, die ihrer Peinigerin
geschickt entwischen. Und die Gejagten haben schlicht die besseren
Träume von geglückter Flucht und Freiheit.
2. Juni 1995
England
“17
Katzen und ein Hund, verträgt sich das?” Über diese tierische Konstellation
unseres neuen Feriendomizils waren wir doch etwas erstaunt. “Das
ist überhaupt kein Problem”, erklärte unsere englische Vermieterin,
“der Hund lebt im Haus, die Katzen draußen.”
Aber eigentlich fand die Farmersfrau, müsste es genau andersherum
sein. “Der Hofhund gehört doch nach draußen und die Katzen ins Haus.”
Hätte ich die Wahl, würde ich allerdings auch lieber mit der leicht
zu unterdrückenden Minderheit eines Hundes Haus und Herd teilen,
als mit 17 stimmgewaltigen Katzen. In unserem Ferienhaus - direkt
neben dem der Vermieterin - wähnten wir uns sicher vor irgendwelchen
Hund-und-Katze-Spielen.
Waren wir auch. Allerdings hatten wir die Rechnung ohne die Mäuse
gemacht. Die hatten nämlich das Katz-und-Maus-Spiel in freier Wildbahn
satt. Sie waren in unsere sichere Küche gezogen.
In England ist ja immer alles etwas anders. Aber in so einer verkehrten
Welt hätte ich einen Stubentiger auf dem Sofa der Maus unterm Schrank
vorgezogen. Die Samtpfoten indes fanden die britischen Sitten ganz
in Ordnung. Schließlich wurden sie bestens gefüttert und konnten
auf ordinäre Mäuse samt aufwendiger, aufreibender Jagden verzichten.
10. Juli 1995
Nachtruhe
Es
ist schrecklich, wir werden nie wieder in Urlaub fahren. Ich will
nicht jammern, was die acht Tage an der See gekostet haben. Aber
was wirklich tragisch ist, dass uns die Ferien auf Dauer unseres
Schlafs beraubten. Keine ruhige Nacht mehr, seit wir wieder zu Hause
sind.
Jede Nacht das gleiche Spielchen. Pünktlich um 3.45 Uhr steht die
Katze auf. Warum diese Tiere Samtpfoten genannt werden, ist mir
schleierhaft. Wie ein mit Blei gefüllter Fußball plumpst der “Tiger”
vom Bett auf den Boden. Die Erschütterung und der Knall beenden
unsere Nachtruhe abrupt.
Miauend geht es in die Küche. Da die vollschlanke Dame aber am Abend
nicht auf ihr Bethupferl verzichtet hat, herrscht gähnende Leere
im Futternapf. Dem kleinen Vielfraß knurrt der Magen. Zum Glück
nicht ganz so laut. Dafür mahnt sie um so energischer ein frühes
Frühstück an.
Gar nicht schlecht für ihre Figur, was sie jetzt veranstaltet. Im
raschen Trab geht es von der Küche ins Schlafzimmer, über die Betten,
laut miauend natürlich, und wieder in die Küche.. Wer soll dabei
ein Auge zumachen?”
Was ist bloß mit dem Tier passiert, als es die Ferien bei meinem
Bruder verbrachte? “Thomas hat die Katze morgens immer gefüttert”,
hat meine Mutter gesagt. Und Thomas, so dämmert es mir langsam,
steht um 3.45 Uhr auf
.
6. September 1995
Copyright by
Andrea und Klaus Micke
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