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Weltanschauung

Der Katzenfreund kennt sich mit Stubentigern bestens aus. Als natürliches Biotop der Katze bezeichnet er das Bett. Das verläßt seine geliebte Samtpfote nur in Ausnahmefällen. Wenn der Magen knurrt oder ihr nach einem Spaziergang ist.
Im Winter ist es aber eher der Hunger, der das Kätzchen aus seinem natürlichen Lebensraum treibt. Draußen ist es zu kalt, Rundgänge durchs Revier werden auf den Sommer verschoben.
Nichts, aber auch gar nichts, außer der Verlockung durch den Futternapf konnte die Katze in den vergangenen Wochen von ihrem weichen Lager locken, bis dann plötzlich Freunde mit diesem Geschenk vor der Türe standen, einem wundervollen Einkaufskorb direkt vom Handwerkermarkt.
Der Korb, für den sich nirgends ein Plätzchen fand, wurde auf dem Kleiderschrank deponiert. Dort entdeckte ihn die Katze und zog um. Jetzt sieht man von dem Tier allenfalls noch zwei spitze Öhrchen, die hin und wieder über den Rand “ihres” Korbes ragen.
Der Katzenfreund aber steht vor den Scherben seiner Weltanschauung. Das natürliche Biotop der Katze ist der Einkaufskorb muss es jetzt also heißen. Aber so sind Katzen, immer müssen sie alle Regeln über den Haufen werfen.
16. Januar 1996

 

Gewichtsprobleme

“Die Katze ist ziemlich rund.” Diese Feststellung meinerseits ignorierte mein Liebster schlicht. Auch als aus dem ziemlich rund ein viel zu dick wurde, stieß das bei dem Mann auf taube Ohren. Denn sein Stubentiger soll nicht hungern. Immer, wenn sich bei der Samtpfote der Appetit meldet - und er hat bei ihr viel zu melden - gibt es auch was.
Die Nachbarskinder mögen den rundlichen kleinen Tiger gern. Vielleicht war es ja die Hoffnung auf süße Katzenbabys, die sie bei uns anschellen ließen:”Ist die Katze trächtig”, fragten sie unschuldig und fielen bei meinem Freund in Ungnade. Empört verneinte er. Während ich mir die Schadenfreude kaum verkneifen konnte. Ich wäre besser vorsichtiger gewesen.
Die Eltern führten uns zum Essen aus. Wohlweislich zog ich ein besonders weites Kleid an. Als die Kellnerin mit der Suppe kommt, will sie erst den Männern auftischen. Mit einem Blick auf mich entscheidet sie sich anders:”Nein, zuerst kommen Mutter und Kind d’ran”, sagt sie. Und während die Frau die Suppe vor mir platziert fügt sie, um das Maß voll zu machen, stolz hinzu:”Das hab ich doch richtig gesehen, daß Sie in anderen Umständen sind.”
Nicht nur, dass mir der Appetit vergangen war. Jetzt weiß ich welch hartes Los die Katze erträgt, mal abgesehen von ihren Pfunden. Ich werde nie wieder über das Tier lästern.
2. Juli 1996

 

Wetter

Alle jammern über das Wetter. Diese Kälte, dieser Regen geht nicht nur den Zweibeinern aufs Gemüt. Auch die Vierbeiner reagieren ziemlich deprimiert. Schlimmer noch, sie machen uns Menschen für das schlechte Wetter verantwortlich.
Das tut jedenfalls unsere Katze. Gestern passierte es wieder. Der Handwerker mußte auf den Balkon und mit ihm die Katze. Nur hatte die kleine Samtpfote in ihrem Eifer vergessen, die obligatorische Schnupperpause an der Tür einzulegen und einen misstrauischen Blick Richtung Himmel zu werfen.
So stand der Tiger also unversehens im Regen und bekam einen nassen Pelz. Widerwillig machte sie trotzdem eine Runde über den Balkon, schüttelte angeekelt ihre Pfoten.
Dann war das Tier plötzlich verschwunden. In der ganzen Wohnung haben wir sie gesucht. Schließlich entdeckten wir die Katze unter einem Sessel. Und da verkriecht sie sich nur, wenn sie überaus beleidigt ist.
Beleidigt guckte sie uns dann auch an. Und ich weiß, sie macht uns für das Wetter verantwortlich. Außerdem will sie einfach nicht glauben, dass es, wenn es auf dem Balkon regnet, an der Haustür genauso aussieht. Darf sie an der Haustür nicht wenigstens mal die Wetterlage überprüfen, ist das noch ein Grund mehr, ordentlich beleidigt zu sein.
11. Juli 1996

 

Angsthase

Auf unserem Balkon tummeln sich eine Menge Vögel. Meisen, Elstern oder Tauben sind dort regelmäßig zu Gast, um nur ein paar der gefiederten Gesellen zu nennen. Amseln kommen eher selten. Sie sitzen lieber in den Bäumen vor dem Balkon und schimpfen und schimpfen, sobald unsere Katze es auch nur wagt, ihr rosa Näschen ein Stück auf den Balkon zu schieben.
Sie ist dann immer völlig außer sich. Zumal die kleinen Quälgeister unser gefährliches Raubtier auch im Garten verfolgen. Da hilft nur noch die Flucht in den Hausflur. Wieder in der Wohnung gelüstet es die Samtpfote dann doch nach frischer Luft. Steht sie an der Balkontür.
Das heißt, eigentlich steht sie da gar nicht. Vielmehr hängt sie geduckt vor der Tür, damit die bösen Vögel sie nicht sehen. Und gibt gequälte Laute von sich, wenn so eine dicke Ringeltaube direkt vor ihr auf der Balkonbrüstung sitzt.
Dass die aber auch keine Angst vor der Katze hat! Die Katze sich aber mächtig vor der Taube fürchtet! Da wird kein Gedanke daran verschwendet, die Taube zu jagen.
Es kommt noch dicker. Als kürzlich ein Eichhörnchen den Katzen-Balkon unsicher macht, verschließt der Tiger lieber die Augen. Ob vor seiner eigenen Feigheit oder weil die Katze denkt, wenn ich das Eichhörnchen nicht sehe, sieht es mich auch nicht, das wissen wir nicht.
15. August 1996

 

Speckröllchen

Besonders in den USA soll es ja neben der stattlichen Anzahl von Jogging erprobten Gesundheitsaposteln eine genauso stattliche Zahl stattlicher Damen und Herren geben. Was die Zweibeiner können, können die Vierbeiner schon lange.
In England wurde doch eine Familie vom Tierschutzverein dazu verdonnert, die viel zu dicke Katze auf Diät zu setzen. Ich kenne da noch eine Katze, die dringend Kostabzug brauchte. Sonst ist es irgendwann so weit, dass man sagen kann, die Erde hat den Katzenbauch wieder.
Doch der stolze Besitzer des Tieres schiebt alles auf das dicke Fell. Über die rosa Speckröllchen unter dem Pelz breitet er den Mantel des Schweigens,
Überhaupt fräße seine Katze doch gar nicht viel - jedenfalls manchmal. Tatsächlich interessiert den Stubentiger sein Dosenfutter manchmal recht wenig. Merkwürdigerweise ist das gerade nach ausgedehnten Spaziergängen an der frischen Luft häufig der Fall.
Seit gestern wissen wir auch warum. Statt Mäuse zu fangen, liegt das Kätzchen bei den Nachbarn auf der faulen Haut und trainiert allenfalls seine Kaumuskeln.
21. September 1996

 

Sangeskunst

Kennen Sie Nymphen-Sittiche? Das heißt die wahrhaft großen Stimmen dieser kleinen Vögel. Die beiden, die bei uns wohnen, nehmen es mit jedem weiblichen Sopran auf, obwohl es eigentlich Hähne sind. Man könnte sie auch getrost als Counter-Tenöre bezeichnen.
Ohne jedes Falsett singen die beiden in den höchsten Tonlagen. Jawohl, ich bestehe auf “Singen”. Mein Liebster spricht in diesem Zusammenhang nämlich immer von Kreischen. Und obwohl er von uns beiden untweifelhaft der Musikkenner ist, fehlt ihm für die animalische Kunst jedes Gespür.
“Guck mal, der kreischt dem anderen direkt ins Ohr”, sagt er immer mit einem ganz verzweifelten Gesichtsausdruck. “Wie hält der andere das bloß aus?”, wundert sich der Mann und verläßt selber mit schmerzverzerrtem Gesicht schnell das Vogel-Zimmer. Von männlicher Solidarität ist bei diesem Trio nichts zu spüren.
Seine Katze ist dem Mann lieber, weil sie so herrlich ruhig ist. Obwohl ich ja finde, dass die Samtpfote ziemlich asthmatisch schnurrt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich jedenfalls habe es immer gewusst, dass in meinen Vögeln verkannte Künstlerseelen schlummern. Was ein Fachbuch jetzt auch bestätigte. Unter Nymphensittich-Verhalten stand da:”...singt bei der Balz”. Das habe ich natürlich sofort zitiert. Aber die Anführungsstriche vom Wörtchen “singt” schamhaft verschwiegen.
7. Dezember 1996

 

Mordbuben

Moritz hat einen Bruder, der heißt aber nicht Max, sondern Tabby. Trotzdem haben es die beiden faustdick hinter ihren spitzen Öhrchen. Mit den Streichen der frechen Figuren von Wilhelm Busch kann es das Katzen-Duo auf jeden Fall aufnehmen, davon wissen ihre “Dosenöffner ein Lied zu singen.
So wetzt man als Katze scharfe Krallen am besten an Teppich, Gardine oder Tapete. Die Rolle mit dem Toiletten-Papier ist immer leer. Weil, wozu soll das Zeug schon gut sein, wenn nicht zum Abrollen und reinlegen. Das Schnitzel vom Tisch schmeckt allemal besser, als das Katzenfutter-Einerlei. Und musste sogar noch richtig gejagt werden.
Apropos Jagd. Man könnte sie in diesem Zusammenhang auch Moritz und Tabby die Schrecklichen nennen. In der Mäuse- und Vogelwelt heißen die beiden bestimmt so. Tabby pflastert die Terrasse regelmäßig mit Mäusen. Moritz rupft lieber Vögel.
Sein jüngster Streich war besonders perfide. Da packte sich der Kater doch eine Amsel und quetschte sich mitsamt seiner Beute durch die Katzenklappe rein in den Keller. Was er dann machte, kennt man eigentlich nur von Raubüberfällen auf Spielhallen. Da werden die Aufsichtspersonen auch immer auf der Toilette eingesperrt. So erging es auch dem Vogel. Er landete im überdachten Katzenklo, vor dem der gemeine Räuber Stellung bezogen hatte.
Zum Glück entdeckte ihn dort rechtzeitig ein Mensch. Samt Klo wurde der Vogel ins Freie befördert. Die Katze musste drinnen bleiben. Und die Drossel flatterte laut schimpfend in die Freiheit. Jetzt erzählt sie bestimmt ihren Kumpeln, wie sie Moritz den Schrecklichen mit Hilfe seines eigenen Klos überlistete.
30. Dezember 1996

 

Copyright by Andrea und Klaus Micke

 

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