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Identitätskrisen

Mit den Namen ist das so eine Sache. Kaum jemand findet seinen eigenen so richtig toll. Unsere Kater, drei an der Zahl, scheinen mit ihren Namen aber ganz zufrieden zu sein. Emil, Campari und Flash Gordon kommen jedenfalls stets angelaufen, wenn man sie ruft.
Das heißt, im Moment sorgt der jüngste und ungestümste von allen, Flash Gordon, für einige Verwirrung. Der kleine, selbstbewußte Kerl glaubt nämlich, dass ihm die ganze Welt gehört. Stoffmäuse, Federbuschen, Wedel, Leckerchen - alles seins. Immer ist er der erste, der die Maus fängt, den Wedel jagt, die Leckerchen frisst. Da haben die beiden Älteren kaum eine Chance. Was sie aber mit der Gelassenheit des Alters hinnehmen.
Doch was jetzt passierte, setzte allem Vorwitz die Krone auf. Flash Gordon hat den Großen auch noch ihre Namen geklaut. Man kann rufen, wen man will, der kleine Kater ist immer zur Stelle. Vorsichtshalber. Man weiß ja nie, ob es nicht etwas Gutes gibt.
Da ruft man Emil. Wer antwortet gurrend und kommt angelaufen, der kleine Flash Gordon. Das gleiche bei Campari. Wie bei den Stoffmäusen haben die Großen keine Chance. Verwirrung im Blick mustern sie den unmäßigen Träger so vieler Namen. Ihre Gesichtsausdrücke sprechen Bände, sprechen von der ersten Identitätskrise ihres jungen Lebens. Wer bin ich und wer ist eigentlich dieser Flash Gordon?
14. Februar 2000

 

Figaro

Der kleine Kater Flash Gordon ist eine haarige Angelegenheit. Nicht nur, weil er so einen weichen Puschelpelz hat. Flashi ist ein selbst ernannter Figaro. Und ich bin sein Model. Besser sein Opfer.
Denn immer, wenn dem Katerchen des morgens früh der Magen knurrt, greift er - hat alles andere wie lauthals Schnurren, den Nachttisch abräumen, Füße fangen - nicht geholfen, auf einen sehr archaischen Katzenbrauch zurück. Er rupft mich wie einen Vogel, zerrt an den Haaren wie verrückt. Wohl kaum, um mir zu sagen, dass er mich zum Fressen gern hat. Viel eher soll die Aktion doch vermitteln, dass er gerne was zu Fressen hätte.
Nicht nur, dass ich zu recht sagen kann:”Ich fühl’ mich wie ein gerupftes Huhn.” Ich weiß auch, warum mein Liebster partout an seinem praktisch kurzen Bürstenhaarschnitt festhält.
2. März 2000

 

Sisyphus

Eigentlich war ich mir ganz sicher, dass ich die Wohnung mit einem englischen Gentleman teile. Emil, der Britisch-Kurzhaar-Kater, verfügt jedenfalls über diverse Eigenschaften so eines höflichen, vornehm zurückhaltenden Briten.
Doch seit es anfing zu schneien, suche ich nach griechischen Zügen in seinem Kater-Gesicht. Was Griechenland und Eis und Schnee gemein haben? Gar nichts. Aber der Kater könnte glatt ein Nachfahre von Sisyphus sein.
Als die ersten Flocken fielen, wollte der Tiger auf den Balkon. Da begann er dann seine Sisyphus-Arbeit. Er jagte Schneeflocken. Eine weiße Flocke nach der anderen packte er mit den Pfötchen, schnappte mit dem Mäulchen danach. Doch die Eiskristalle wurden nicht weniger.
Der Kater jedoch geriet ob seines aussichtslosen Unterfangens so in Ekstase, als hätte er einen Schnee ganz anderer Art genossen. Immer schneller arbeiteten Pfötchen und Mäulchen. Böse Flocken, die er nicht erwischte, setzten sich auf den grauen Pelz, so dass bald ein kleiner kugeliger Schneemann am Werk war.
Wie gut, dass irgendwann doch mal wieder die Sonne zum Vorschein kam und unser Katerchen dahin schmelzen ließ. Und wenn es endlich Frühling wird, dann ist die Flocken-Jagd Schnee von gestern. Doch für unseren Sisyphus gibt es keine Erlösung. Denn im Frühling kommen die Blütenblätter, im Sommer die Falter und im Herbst das Laub...
5. März 2000

 

Fasten

Geschichten übers Fasten hört man jetzt allerorten. Viele Menschen tun es freiwillig. Doch manchmal wird einer auch dazu verdonnert. Schlimm, wenn es ausgerechnet jemanden trifft, der doch so gerne futtert und sich noch dazu nicht wehren kann.
Unser Kater Emil ist so eine bedauernswerte Kreatur. Als sich sein Bäuchlein nicht nur immer mehr der Erde näherte, sondern auch seitlich kleine, kugelige Ausbuchtungen sichtbar wurden und dazu der Zeiger der Waage bedenklich nach oben wanderte, wurde der Kater von seinen hartherzigen Menschen auf Diät gesetzt.
Jetzt darbt das arme Tier und greift zum Äußersten, um nicht zu verhungern. Es läßt den einzigen Ton hören, den es überhaupt von sich gibt. Das ist der Hungerton, der nur im äußersten Notfall angewandt wird, wenn das Bäuchlein wirklich völlig leer ist - also so alle paar Minuten.
20. März 2000

 

Sucht

Nicht nur Menschen haben Probleme mit Süchten. Wir haben einen Kater, der den Zweibeinern da in nichts nachsteht. Katzenminze und Baldrianwurzel versetzen ihn in Ekstase. Außerdem liebt der kleine Kerl Süßigkeiten. Mohrenköpfe stehen bei ihm hoch im Kurs. Nur, dass seine bösen Menschen ihm dieses Zuckerzeug vorenthalten.
Bis auf die Kugeln, die nun eigens Katzenleckerchen sind. Eigentlich waren die Kugeln 'mal Weihnachtszapfen, die es gratis zu den üblichen "Kater-Einkäufen" dazu gab.
Als harmlose Saison-Zapfen getarnt kamen die Leckerchen also zu uns ins Haus und ins Kater-Mäulchen. Aus den Zapfen wurden saison-unabhängige Kugeln und aus dem Kater ein kleiner Quälgeist, der mit großer Ausdauer vor dem Regal mit den Kugeln sitzt und jammert. Hätten wir das vorher gewusst, nein, wir hätten uns nicht die Kugel gegeben, aber auch nicht diesen Leckerchen-Unsinn verzapft.
11. April 2000

 

 

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